Drogen, Kriminalität, Polizeikontrollen: Wird in Ebingen wirklich „alles immer schlimmer“? Was die Stadt, die Polizei und vor allem die Leute vor Ort sagen, hat Autor Peter Demmer recherchiert. Ein Streifzug.

Marcel (Name geändert), 16, lehnt an einer Mauer voller Graffiti in der Nähe des Bahnhofs. Seine Kapuze trotz des warmen Sommerabends tief ins Gesicht gezogen. „Ich kenn’ die Stadt hier wie meine Hosentasche.“ Marcel erzählt. Über die Zukunft, das Leben und die kleine Stadt, in der er groß geworden ist. Alle Spots hier sind ihm bekannt und narbentief verankert. Hinter Venezia. Dodelgasse. Bürgerturm. „Niemand sollte alleine zum Groz-Park. Da sind jetzt die Ukrainer“, sagt er. Marcel kennt jeden Winkel dieser Stadt.

Aimee (Name geändert), 17, kommt hinzu. Sie macht gerade ihren Schulabschluss. „Drüben in der Innenstadt gibt’s nur stressgeile Kinder, die dealen oder kaufen.“ „Und die Junkies und Alkis“, ergänzt Marcel, „die zeigen sich heute mehr als früher.“

Nicht Berlin, sondern Schwäbische Alb

Nicht Frankfurt. Nicht Neukölln. Nicht Kottbusser Tor: Marcel und Aimee leben in Ebingen. Schwäbische Alb. Einst war die große Industrie hier zu Hause: Feinmetall und vor allem Textil. Davon ist nicht viel geblieben. Ein jährlich steigendes Haushaltsloch und die Mammutaufgabe, wenigstens den Unterhalt für die öffentlichen Gebäude zu stemmen, treibt die Stadt und ihre Bewohnerschaft um. Eine Stadt also, die vielen Mittelzentren in der Region und ganz Deutschland ähnelt.

Aus Albstadt liest man Schlagzeilen wie „Mit Pistole auf Mann gezielt und abgedrückt“ oder auch „Pfefferspray und Tritte: Polizei ermittelt nach Auseinandersetzung am Ebinger Bürgerturm“, die vermehrt auf Social Media geteilt und kommentiert werden. Es wird gehetzt, vermutet, überspitzt und polarisiert. Und es wird nach einfachen Antworten auf hochkomplexe Fragen gesucht. Weil gerade gefühlt „ja eh alles immer schlimmer wird in unserem Land“.

Doch ist das wirklich so? Die Polizei meint auf Anfrage dieser Zeitung: Nein. „Mit Blick auf die Zahlen der polizeilichen Statistik hat sich die Kriminalitätslage in Albstadt im Jahr 2024 im Vergleich zu den Vorjahren unwesentlich verändert“, teilt ein Sprecher des Polizeipräsidiums Reutlingen mit. An der Ebinger Graffitimauer fühlt sich das allerdings anders an. „Die Gewaltbereitschaft wächst aber schon – gerade unter den Jüngeren. Viele der 12- bis 14-Jährigen machen nach, was die Älteren vormachen“, sagt Marcel. Und Aimee ergänzt: „Es wird gedroht und geschlagen. Immer.“ Die mit Migrationshintergrund? „Nee, einfach alle!“

Die Probleme bleiben

Früher hieß der Treffpunkt noch Schweinweiher. Schon damals saß man auf den Bänken, trank Billigbier, redete Blödsinn. Dann sagte man „Latsch“ dazu. Heute schlicht Innenstadt. Viel wurde baulich verändert, die Drogen wurden andere, die Probleme aber blieben. Und das, obwohl laut Steffen Conzelmann, Fraktionsführer der CDU im Gemeinderat, bereits gezielt belebt wurde: durch Feste, Außengastronomie und kulturelle Angebote – sowie durch die „konsequente Präsenz von Ordnungskräften an neuralgischen Punkten.“

„Die nimmt doch niemand ernst“, sagen Marcel und Aimee nur dazu. „Es sind gerade viele Zivilpolizisten unterwegs, aber keine, die einen beeindrucken. Man erkennt sie gleich. Ab und zu wirst du erwischt und musst dich ausziehen – aber viel passiert dann nicht“, sagt Marcel abgeklärt, „und die Ordnungsamtstypen kommen eh immer erst ’ne Stunde später, wenn überhaupt“, fügt Aimee an.

Nils Maute ist Stadtrat in Albstadt und sitzt für die SPD im Gemeinderat. Spricht man ihn auf die Thematik in Ebingen an, weiß er: „Die Jugendlichen kennen ihre Pappenheimer. Das Ordnungsamt auf der Straße erfüllt vor allem eine emotionale Funktion – es gibt der Allgemeinheit ein Gefühl von Sicherheit. Aber auf die Szene vor Ort hat dies kaum Einfluss.“

„Zuhause stehe er nur im Weg“

Szenenwechsel. Jetzt: Bahnhofsstraße vor dem Bürgerturm. Aimee erzählt von Drogen und Junkies. Jüngere, die verkaufen und Ältere, die einfach so an den roten Sofas vor sich hinvegetieren. Auch gebe es viele Alkoholiker. „Wenn irgendwas in der Stadt ist, Fest oder so, gehen die halt an den Bach und kommen zurück, wenn’s wieder ruhiger ist.“ Die Verbreitung chemischer Drogen wie Crystal Meth, Oxycodon und MDMA nehme laut ihr massiv zu, auch in Ebingen. „Die Kids wissen gar nicht, was sie da einschmeißen – und schwupps, sind sie am Arsch“, sagt auch Marcel. Er hat’s selbst probiert. „Damals“, wie er meint – als der jetzt 16-Jährige noch „jung“ war. Aimee sagt, sie habe schon lange mit Drogen aufgehört und will der Szene nicht mehr angehören. Sie schaut zu Boden.

Auf der Treppe bei den roten Sofas steht ein Junge: Mo (Name geändert). Aimee kennt ihn. Mo lächelt. Er komme aus Afghanistan und ist erst seit einem halben Jahr hier in Ebingen. Kein Hallo, keine Schule, keine Kurse, keine Integration. Nur ein freundliches Winken. Marcel sagt, es gebe aktuell eine starke Präsenz von Jugendlichen mit afghanischem und arabischem Hintergrund. „Da kann es sein, dass auf einmal 20 Afghanen wie aus dem Nichts auftauchen.“ Aimee ergänzt: „Irgendwie müsste man sich mehr um die kümmern. Wenn die gelangweilt in der Stadt rumhängen, machen sie nur Blödsinn.“ Seit deren Ankunft habe sich die Situation spürbar verschärft, meinen die beiden. „Aber wir Deutschen sind ja genauso.“

Etwas weiter zum Bach, Richtung Parkplatz „Bleichestraße“ über die Brücke, nach rechts und da findet man ihn – Loki (Name geändert). Ein weiterer Innenstadtbewohner. Viele kennen ihn vom Sehen, aber ohne ihn wahrzunehmen. Er ist geschätzt Anfang 40, hat einen großen dunkelweißen Hund, und etwa drei Zähne. An diesen wurde über ein wundersames Metallgestell eine Art Brücke konstruiert. Vor ihm ein Tetrapack Alkoholisches. „Von Netto.“ Er ist gerade alleine und lacht: „Besuch kommt hier hinten normalerweise nie.“

Auch er spricht über das Leben und all das, was es einem abverlangen kann. Er berichtet von einer verflossenen Liebe, seiner plötzlichen Arbeitslosigkeit und davon, dass er demnächst umschulen wird und er dann sein ganzes Leben wieder in den Griff bekommt. Wann, weiß er noch nicht. Er wirkt nüchtern, riecht aber nach Alkohol. Er erzählt davon, dass er hier immer mit „seinen Leuten“ rumhängt, sie ein wenig was trinken, ab und zu auch was rauchen und beisammen sind. „Lieber ist es uns zusammen langweilig. Neulich haben wir hier sogar gegrillt.“ Es fällt auf, dass viel Müll nebst Flaschen auf der Wiese rumliegen. „Ja, die vom Ordnungsamt haben auch schon gemeckert. Egal. Das räumt ja die Stadt immer wieder auf.“ In einem früheren Gespräch über die Innenstadt mit Martin Braun, Fraktionsvorsitzender der Liste WSA, betonte dieser: „Wenn sie was zu tun haben, kommen sie gar nicht erst auf dumme Gedanken.“

Die Kids werden nicht abgeholt

Ein paar Schritte weiter im Irish Pub berichtet Dr. Matthias Brauchle, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler in Albstadt, dass es nicht nur in Ebingen „Hotspots“ gäbe. Insbesondere auch die Bereiche um den Tailfinger Wassertisch und dort nebenan, dem Uhlandsgarten, wäre die Lage mindestens ebenso herausfordernd – Konflikte, teilweise lautstark, ob mit dem Gesetz oder untereinander. Hier versuche man, selbst Impulsprojekte zu verwirklichen. Nur, ob das alleine baulich möglich ist? Die Innenstadt ist neu. Die Probleme sind geblieben. „Streetwork ist heute wichtiger denn je – aber das scheitert meist an der Finanzierung“, erzählt Brauchle. „Das wäre schon früher in Albstadt gut und wichtig gewesen. Heute ist sie schlicht und einfach unabdingbar und zwingend notwendig.“

Aimee und Marcel wünschen sich mehr Unterstützung und Angebote: „Ins Jugendhaus geht überhaupt niemand. Vor Ort gibt es keinen Ansprechpartner, dem Jugendliche vertrauen“, sagt Aimee. Das unterstreicht auch das Kinder- und Jugendbüro: „Die jungen Menschen entscheiden selbst, welche Angebote sie wahrnehmen.“ Die sehr präventiv angelegten Maßnahmen des „Hölzles“, weit weg vom Leben der Innenstadtkids, verdeutlichen diesen Eindruck. Dem Kinder- und Jugendbüro kann allerdings kein Vorwurf gemacht werden: „Offene Jugendarbeit“ unterscheidet sich inhaltlich und methodisch grundlegend von „aufsuchender Jugendarbeit“ – auch bekannt als Streetwork oder Straßensozialarbeit.

Und ebenjene Sozialarbeit ist vielschichtig, weil Menschen vielschichtig sind. Die Stadt Albstadt merkt an, dass es bei „einer Kommune der Größe Albstadts“ normal sei, dass sich „auch sogenannte ‚Randgruppen‘ der Gesellschaft ihren Platz im öffentlichen Raum suchen“. Ob Randgruppe oder nicht – die Lebensrealität von vielen ist ein Dasein im gesellschaftlichen Schatten. So sieht es auch Aimee. „Vielleicht haben sie uns nicht vergessen. Vielleicht sehen sie nur weg.“


Dieser Artikel erschien:
Am 30.08.2025 in der SÜDWEST PRESSE