Am vergangenen Samstag wurde die Balinger Messehalle in ein Lagerfeuer verwandelt. Keine Angst: sie steht noch.
Zeigefinger in die Höhe, Arm in die Luft. Internationale Rock-Gebärdensprache für: Jetzt bitte alle. Und zwar wirklich alle. Funktioniert auch in Balingen zuverlässig.
Es ist kurz vor 23 Uhr in der Volksbankmesse. Die Stadt ist heute einmal mehr fest in der Hand harter E-Gitarrenklänge. Auf der Bühne sind Steffen Haile (Bass) und Ande Braun (Gitarre) leicht in den Knien. Wie bei einem Squat im Gym. Auf ihren Schenkeln steht artistisch Hannes Braun. Seit nunmehr 18 Jahren Sänger seiner Band Kissin’ Dynamite. Er streckt strahlend wild die Hände in die Luft. Das macht er so nicht zum ersten Mal. Aber bald zum letzten. Es ist sein Abend heute in Balingen.
Auf Anfang: Man ist keine fünf Minuten in der Halle und weiß: Das hier wird kein Konzert, das hier wird ein Klassentreffen. Viele Vorgruppen würden sich eine bereits so gut gefüllte Halle wünschen. League of Distortion, die Band rund um die Sängerin Anna „Ace“ Brunner (bekannt von Exit Eden) und Jim Müller (später nochmals mit Kissin’ Dynamite auf der Bühne), bieten einen frischen Metalcore-Sound an. Etwas Alternative hier, ein wenig Metalcore da. Sie punkten vor allem mit eingängigen Melodien – ein Thema, das sich über den gesamten Abend ziehen wird.


Es folgen Axxis. Bereits seit Ende der 80er auf allen größeren und kleineren Rockbühnen in der Republik zu sehen. Sowohl damals immer mal wieder auf dem Bang-Your-Head-Festival in Balingen vor Tausenden als auch Mitte der 90er vor ein paar Hundert im Heuby in Nusplingen zu sehen. Melodischer Metal. Sänger Bernhard Weiß performt wie der Rest der Band erwartbar solide. Wie immer halt – was in diesem Fall kein Nachteil ist. Und dann zum Ende hin: Living in a World (of Shame and Glory). Der eine Song, der seit Jahrzehnten Axxis überstrahlt. Klassischer 90er-Power-Metal, extrem eingängiger Refrain, sofort mitsingbar. Ritten Axxis das Lied bei manchem Konzert in wahnsinnigen Extended Versions noch zu Tode, findet es heute nur noch kurz statt. Man möchte sowohl dafür als auch für die bodenständige Darbietung mit einem „Bis bald mal wieder“ liebevoll Danke sagen.
Rund 3000 Menschen sind mittlerweile in der Volksbankmesse. Voll. Ausverkauft. Und das bereits seit Wochen. „Es sind nicht die Bands, wegen denen wir hier sind, sondern die Party. Die ganzen Leute, die man ansonsten erst im Sommer beim RV-Bang-Festival wieder sieht“, erzählt Heike, eine Besucherin. Die Garderobe? Überfüllt. Die Schlange am Getränkestand? Lang. Sehr lang.
Aus den Boxen dröhnt 80er-Jahre-Glamrock. Irgendwas von Mötley Crüe. Auf einmal wird die Halle dunkel. Intro, dann überall Licht, und auf einer erhöhten, zweiten Bühnenebene stehen sie in Reih und Glied: die Jungs von KD mit ihrem ersten Stück Back with a Bang – der perfekte Opener. Straight, eingängig und quasi selbsterklärend.
Die Wurzeln von Kissin’ Dynamite finden sich direkt in der Schülerband „The Blues Kids“. Damals noch im beschaulichen Burladingen. Das muss irgendwann ganz zu Anfang der Nullerjahre gewesen sein. Seit dort spielen Hannes Braun, sein Bruder Ande und Steffen Haile zusammen. Man coverte AC/DC und die Scorpions. Später holte man sich Musiker einer anderen Schülerband dazu, und daraus entstand 2007 Kissin’ Dynamite. Bis heute eine der wenigen sehr erfolgreichen Bands aus der Rockwelt ohne rasantes und markantes Besetzungskarussell. Zu den Dreien von der Alb finden sich Jim Müller (Gitarre) und Sebastian Berg (Schlagzeug) auf der Bühne.


Neben neueren Stücken wie My Monster ziehen die fünf Musiker auch ältere Hits aus dem Hut. Ein eindrucksvolles I Will Be King wird durch einen Bühnenthron illustriert. Bei Flying Colors ist die Hallenmitte ein einziges buntes Lichtermeer. Und immer wieder ist Zeit für Publikumspartizipation: hier klatschen, hier mitsingen, hier die Lichter raus und dann: springen. Und es funktioniert. Bis in die letzte Reihe hinten vorm Merch-Stand. Hannes Braun hat die Halle fest im Griff: routiniert, erfahren und mit perfektem Timing. „Bitte nicht schon wieder hüpfen“, ächzt Bernd nebendran, der sicherlich eher bei der 60 als bei der 50 ist – und tut es freudestrahlend und voller begeisterter Energie trotzdem.
Kissin’ Dynamite haben sich von einer Teenage-Schülerband aus dem schwäbischen Burladingen zu einem der erfolgreichsten deutschen Hard-Rock-Acts der 2010er und 2020er Jahre entwickelt. Die Band hat mittlerweile acht Alben veröffentlicht, von denen das 2024 erschienene „Back With A Bang“ direkt auf Platz 1 der deutschen Albumcharts einstieg. Sie stehen mit mehreren Singles regelmäßig an der Spitze der Rock Radio Airplay Charts, und ihre Musikvideos werden Millionenfach gestreamt.
Kissin’ Dynamite waren und sind international auf Tournee, mit Headliner-Shows in ganz Europa und vielen Festivalauftritten. Sie zählen damit zu den prominenteren deutschen Rockbands des Stadion- und Melodic-Rock-Sounds.
Musikalisch bewegen sich Kissin’ Dynamite in der Liga von H.E.A.T oder Avantasia – melodischer Hard Rock mit Glam-Erbe, stadiontauglich und präzise produziert, aber selten überraschend. Sie sind eindeutig näher bei Bon Jovi als bei Motörhead.
Weiter im Set: Heart of Stone mit Piano und dann das von Versengold sehr originell gecoverte The Devil Is a Woman. „Ich kenne nur zwei, drei Lieder von denen“, berichtet Tanja, irgendwo zwischen Raucherecke, Bar und Anfang der 40er. „Das ist aber nicht schlimm. Man muss die Refrains nur einmal hören und kann sofort mitsingen.“ Was sich auf den ersten Ton wie ein Qualitätsmerkmal anhört, ist sicherlich die größte Schwäche der Band. Deren Kryptonit sozusagen. Vieles scheint zu glatt, zu rund, zu perfekt, zu Helene Fischer. Der aufrichtige, echte und raue Rockmusikmoment ist in den Stücken des Quintetts nur schwerlich zu finden. Gestik, Performance und Songs scheinen be- und zusammengerechnet. Perfekt durchchoreographiert. Man freut sich regelrecht beim Hit Six Feet Under, dass die Chöre nicht so fett wie in der Studioversion aus den Lautsprechern kommen. Aber das ist natürlich Klagen auf allerhöchstem Niveau. Es sitzt ja alles. Nur halt vielleicht einen Tick zu perfekt.
„Es sind nur noch ein paar Shows in 2026 mit meinen besten Freunden, meinen 4 Brüdern“, läutet Hannes Braun das Konzertfinale ein. Er nimmt sich Zeit für sein Publikum und berichtet, was hier jeder schon weiß: Er wird aufhören. Zumindest auf der Bühne, nicht dahinter. Aus gesundheitlichen Gründen, wie er sagt. Es fällt schwer, sich Kissin’ Dynamite ohne ihn vorzustellen. Prägt er doch Liedgut und Bühnendynamik fast im Alleingang.
Es folgt die Zugabe mit einem eindrücklichen, neuen und akustischen Not a Wise Man. Für viele das Stück des Abends. Und zum Schluss ein Raise Your Glass, dass es in sich hat. Die ganze Halle hebt kollektiv die Becher. Auf Kissin’ Dynamite.
Ein Abend wie ein Lagerfeuer der lokalen Rockmusikszene. Wohlig gewärmt entschwindet man aus der Halle in die kalte Balinger Nacht. Man geht nicht euphorisch, sondern zufrieden. Und das ist manchmal mehr wert. Neugierig darauf, wie sich „Ka De“ weiterentwickeln. Wie das Festival im nächsten Sommer an selber Stelle wird. Und was 2026 so allgemein bringt. Bestimmt, wie an diesem Abend: nur Gutes.
