Kennen Sie den Begriff „Local Heroes“? In der Kulturwelt werden damit, entfernt angelehnt an das Stück „Heroes“ von David Bowie, Künstler bezeichnet, die man überall sieht. Nur nie in den wirklich großen Hallen. Manche rümpfen dabei die Nase. Zu Unrecht. Zumeist fehlt nicht das Können, sondern nur eine winzige Portion Glück.
Unsere „Helden“ finden wir am Samstag im „Juwel“ im Albstädter Stadtteil Margrethausen. Die vierköpfige Band „Karaboom“ aus Bisingen gastiert in einem der wenigen noch echten Live-Clubs der Region. Die Venue wäre ausverkauft, würde man Eintritt verlangen und nicht wie fast jeden Samstag dort für freiwillige Spenden in „den Hut“ spielen. Rund 140 Leute stehen und sitzen dicht gedrängt. Draußen sehr kalt. Drinnen herzlich, wohlig warm. In den 80ern ein typischer Ort, über dem eine schmutzig-weiße Wolke Zigarettenrauch Club-like gewabert hätte.
Kein Filter, kein Sicherheitsabstand: Katja Boss und Bassist Jürgen Schlayer mitten im Song, irgendwo zwischen Rock’n’Roll, Schweiß und dem guten Gefühl, dass genau dafür kleine Clubs erfunden wurden.
Die beiden Namensgeber der Band, Katja Boss (Gesang) und Rafael Schöllhorn (Schlagzeug), sind lange befreundet. Zu Corona-Zeiten entstand das Projekt. Man nahm Songschnipsel auf und schickte sie sich hin und her. Lieder entstanden. Mit „Follow Your Heart“ sogar gleich ein ganzes Album. Ka(tja) + Ra(fael) ergaben ein „Boom“. Karaboom. Nach der Pandemie wurde mit Andreas Schick an der Gitarre und später dann Jürgen Schlayer am Bass das Bühnenquartett komplettiert.


Aus den Lautsprecherboxen ertönt ein Stück von Bon Jovi. Eines der guten. Und damit bekommt man eine Ahnung, was einem der Abend erzählen möchte. Das Œuvre von Karaboom erschließt sich in traditioneller und eingängiger Rockmusik, fest verankert irgendwo zwischen 1990 und dem letzten Feuerzeug im Publikum. Ein wenig AC/DC, aber auch Vibes von Joan Jett & The Blackhearts finden sich im Repertoire. Keine Balladen. „Rund ein Viertel des Programms sind eigene Stücke, den Rest covern wir“, erfährt man. „Und wenn das Publikum nicht nur bei Journey, sondern dann auch beim eigenen ‚Riding High‘ anfängt mitzusingen, weiß man: alles richtig gemacht.“
Äußerst solide nimmt man die Rhythmussektion wahr. Die Gitarre führt gut, gibt mit prägenden Riffs den Weg für die Vocals vor. Frau Boss füllt die Bühne mit ihrer warmen, gut intonierenden Stimme und zeigt damit, wer hier heute nicht nur namentlich „The Boss“ ist. Mit „In your head“ zieht der Refrain von „Zombie“ der irischen Band The Cranberries durch den weiterhin vollen Raum. Der Saal singt mit. Komplett. Man weiß jetzt schon: Das bekomme ich die nächsten fünf Tage nicht mehr aus dem Kopf.
2025 hatte für viele Höhen und Tiefen. Besonders aber für die Karaboom-Sängerin war das Schicksal im letzten Jahr ein echt mieser Verräter. Man fragt sich, wie sie es trotzdem schafft, neben Job, Kindern und dem Leben als solchem auch noch rund 25-mal im Jahr auf der Bühne zu stehen. „Eben das gibt mir Halt“, sagt sie. „Ich liebe Musik und mache diese gemeinsam mit Menschen, die ich einfach gerne habe. Das gibt mir Kraft.“
„Seven Nation Army“ von den White Stripes und ein improvisiertes „Mercedes Benz“ („Du solltest mir auch einen kaufen“, sagt links eine lachend zu ihrem Freund) tönen als Zugabe aus den Lautsprechern. Dann: halb eins, Feierabend.

An der Juwel-Bar, hört man: „Echt schön war’s. Aber unabhängig davon muss man froh sein, dass es überhaupt so etwas wie Live-Musik noch gibt.“ Man möchte dem uneingeschränkt zustimmen. Das macht Helden aus: wenn man seinem Publikum drei Stunden mit ehrlicher, handgemachter Musik etwas geben kann. Ohne berühmt oder reich werden zu wollen. Einfach nur so. Wir brauchen bei uns in Kunst und Kultur mehr von genau diesen Helden. Von diesen Local Heroes.
Dieser Artikel erschien:
Am 05.01.2026 in der SÜDWEST PRESSE,
am 05.01.2026 im Schwarzwälder Boten