Eisige Ansage: Arktos zeigt mit Nachdruck ins Publikum. Ob Drohung oder pädagogischer Hinweis an alle, die zu spät ins Bett gehen – ganz sicher ist nur: Hier wird es kalt. Eiskalt!

Zuckerwattesüß. Jede Veranstaltung riecht anders. Zu viele Spritzer eines Eau de Toilette von Issey Miyake und Axe Alaska? Ü40-Party. Kalter, intensiver Camel-Zigarettenrauch? Klar: irgendwas mit Metal. Fenchel mit einem erstaunlichen Hauch Zimt? Oper. Und der Culcha-Candela-Geruch? Ist mittlerweile auch legal.
Wir finden uns an diesem Samstagnachmittag irgendwie vanillig, mit Rosinenbrötchen und einer Prise Fruchtkaugummi, in der Stadthalle Balingen wieder. Gespielt wird heute Tabaluga. Nahezu ausverkauft. Knapp 800 Menschen. Sehr viele im Alter von vier bis zehn Jahren. Geschätztes Betreuungsverhältnis: 2:1. Verantwortung in Turnschuhen. Mütter. Väter. Mütter und Väter. Großeltern. Viele kleine, spannende Geschichten, die sicher zu privat sind, um sie hier zu erzählen.

Ein Familienmusical also, offiziell für Kinder ab vier gedacht, das aber seit Jahrzehnten davon lebt, dass im Zuschauerraum mindestens genauso viele Erwachsene sitzen, die sich kurz daran erinnern wollen, wie es war, an Drachen, Gefühle und das Gute zu glauben. Und, mal ernsthaft: nach diesem nachrichtenvollen Januar kann das sicherlich jede und jeder gebrauchen.

Reges Treiben im Saal. Strebsames Platzsuchen, bis um 16 Uhr pünktlich die Saallichter ausgehen. Das ist die Stadthalle. Einfach professionell. Ruhig beginnt die Show mit „Nessaja“ und einem kurzen „Hallo“ unseres schuppigen, grünen Helden, bevor wir den geschichtenerzählenden Magier kennenlernen.

Tabaluga ist einer dieser Stoffe, die man nie so ganz loswird. Erfunden von Peter Maffay in den 1980er-Jahren, ist der kleine grüne Drache längst mehr als eine Kinderfigur: ein Pop-Märchen über Erwachsenwerden, Verantwortung und die Frage, wie viel Wärme man braucht, um nicht zu erfrieren. „Tabaluga und Lilli“, erstmals 1993 als Musicalalbum erschienen, erzählt die wohl bekannteste Geschichte dieses Universums. Die Welt droht zu vereisen, der Schneemann Arktos will alles Leben unter Eis begraben, und Tabaluga soll das verhindern, obwohl er eigentlich noch viel lieber Kind wäre.

Zurück zur Bühne, auf der eigentlich immer etwas los ist. Hier ein Bienchen, dort ein Pinguin und dann mal wieder dieser fiese Arktos, der sicherlich nicht gemeint war, als Anna einst Elsa fragte: „Willst du einen Schneemann bauen?“ Dann: High Fives mit Tabaluga und seinem Vater mitten im Publikum. Gekonnt schafft es die Inszenierung, zwischen erzählerischem Slapstick, witzigen Kostümen und ohrwurmtauglichen Gesangsteilen die Aufmerksamkeit aller Zuschauenden nahezu pausenlos zu binden. Unter uns: Verdis „La Traviata“ kann das nicht zwingend durchgehend von sich behaupten. Nach einer Dreiviertelstunde: Pause.

Raus ins Foyer. Während anstehend um Säfte und Brezeln verhandelt wird („Nein, für Cola ist es jetzt zu spät“), sinniert mancher über die kulturelle Bedeutung der Veranstaltung. „Irgendwann nach dem zweiten Satz schien die Stimme eines Sängers leicht belegt.“ Plötzlich ein weiterer Kulturkritiker: Miguel (6): „Das ist das tollste Musical, das ich je gesehen habe!“  Miguel hat selbstverständlich recht, und mehr ist dazu folglich auch nicht zu sagen. Gemeinsam stellt man sich die Frage, was es wohl mit dieser Lilli auf sich hat.

Gong, Lichter aus, weiter geht die Reise. Ab ins Upside-Down. Wir lernen die Spinne Tarantula kennen, die sich kaum noch an die Liebe erinnert, Tabaluga aber trotzdem nicht fressen möchte: „Der ist ja schon ganz grün.“ Dann ein Trupp Ameisen. Das Publikum lacht, und man stellt sich zwangsläufig die Frage, was für ein Gewusel wohl hinter der Bühne herrscht, da jedes Ensemblemitglied gleich mehrere Rollen zu spielen und rasend schnell nicht nur in eine andere Figur, sondern auch in das passende Kostüm schlüpfen muss. Gerade hier zeigt sich die Exzellenz, die in die Inszenierung der Tourversion des Musicals geflossen ist: Dekowechsel laufen spielerisch von selbst, Pausen sind nicht zu erkennen, und Holperer finden sich nur, wenn man sie wirklich unbedingt finden möchte und in Klitzekleinigkeiten sucht. Sämtliche Darsteller, ob im Tanz, im Gesang oder im Kostüm-Acting, lassen trotz der Routine der vergangenen 70 Auftritte, die die Produktion bereits hinter sich hat (heute ist die Dernière), keinerlei Mangel am Spielspaß erkennen. Sie wollen eine Geschichte erzählen. Und daran haben sie Freude.

Das Finale: der böse Arktos. Schneemänner, die nicht Olaf heißen, sind einfach schwierig. Und schließlich Lilli, die aus Eis geschaffene Figur, die Tabaluga ablenken soll und ihm ausgerechnet dadurch das Wahre Feuer näherbringt. Liebe als Gegenentwurf zur Kälte, Wärme als Haltung, nicht als Effekt. „Schlaf nicht zu lange, sonst kriecht die Kälte in dein Herz“, predigt der Magier eindringlich. Man weiß, wie es ausgeht. Und hofft trotzdem, dass es auch diesmal wieder klappt. Ausgerechnet ein Einsiedlerkrebs, der wienerisch dialektiert, hat die rettende Idee: Tabalugas Feuer wärmt Lillis Herz. Sie erwacht und bleibt. Und Arktos? Der schmilzt. Das Stück „Ich fühl wie du“ trifft tief ins Herz des Publikums. Gerührt hört man manches Schluchzen – zumeist allerdings aus den erwachsenen Reihen.

Großer Applaus, niemand hält es auf den Plätzen. Herzlich-liebevoller Dank des Ensembles, Standing Ovations und eine abschließende „Nessaja“ Club Version. Der Saal tanzt, bis die Musik verklingt.

Was bleibt? Darsteller, die nicht durch Namen, sondern durch ihr liebevolles und intensives Spiel begeistern. Und diese Melodie, die man auf dem Weg zum Auto allerorts vor sich hin pfeifen hört. Und vielleicht ist das der eigentliche Zauber dieses Nachmittags: dass niemand so tut, als wäre er längst erwachsen. „Irgendwo tief in mir bin ich ein Kind geblieben.“

Tabaluga – vom Konzeptalbum zur Großproduktion
Tabaluga war nie nur ein Musical. Bevor der kleine Drache die Bühnen eroberte, war er vor allem eines: ein musikalisches Langzeitprojekt. Zwischen 1983 und 2022 erschienen insgesamt sieben Tabaluga-Konzeptalben, begleitet von großen Tourneen, Fernsehproduktionen und spektakulären Live-Inszenierungen. Besonders die Open-Air-Aufführungen in den 1990er- und 2000er-Jahren setzten Maßstäbe: In der Dortmunder Westfalenhalle, später bei „Tabaluga und die Zeichen der Zeit“ oder „Es lebe die Freundschaft“, standen teils über hundert Mitwirkende auf der Bühne, darunter Orchester, Chöre, Akrobatik und prominente Sprecherrollen. Figuren wie Arktos, Nessaja oder der Baum des Lebens wurden dabei von bekannten Schauspielern und Musikerinnen verkörpert – Tabaluga selbst oft von wechselnden Sängerinnen interpretiert. Die aktuelle Tourfassung von „Tabaluga und Lilli“ ist bewusst kleiner, näher, mobiler gedacht. Sie verzichtet auf Arena-Effekte und setzt stattdessen auf Ensemblearbeit, schnelle Rollenwechsel und eine Erzähldichte, die auch in mittelgroßen Häusern funktioniert. Vielleicht ist genau das der Grund, warum Tabaluga mehr als vier Jahrzehnte nach seiner Erfindung immer noch unterwegs ist: nicht als Denkmal, sondern als wundervolle Geschichte, die sich an neue Bühnen anpassen kann.