Bundeswehr Big Band begeistert auf dem Balinger Marktplatz
Es war die Woche der Militärmusik im Zollernalbkreis
Außerhalb dieser Reihe, aber als quasi folgerichtiger Höhepunkt, konnte am Freitagabend das Open-Air-Konzert der Bundeswehr Big Band mitten in Balingen gesehen werden. Der Eintritt war frei, das Wetter fein, die roten Würste lecker – einem perfekten Sommerabend stand also nichts im Weg.
Es ist gegen 21:45 Uhr, als Bonita Niessen, professionelle Sängerin und festes Mitglied des Ensembles der Bundeswehr Big Band, die Bühnenaufbauten auf lockerem Fuß verlässt. Hinten am Truck, an den Absperrungen, stehen Jugendliche und machen hüpfend und freudestrahlend auf sich aufmerksam – jene, die sich am Freitagnachmittag beim Bw-Musix-Bläserklassenwettbewerb gemessen haben und die letzten beiden Stunden beim Konzert der Big Band enthusiastisch getanzt, mitgesungen und gefeiert haben. Die Sängerin plauscht mit den Kids, macht Selfies, High Fives und nimmt sich Zeit – quasi auf Augenhöhe mit künftigen Kolleg*innen. Unendlich viel Wärme strahlt diese Szene aus.


Aber von Anfang an: Man erwartet nicht unbedingt nur Gutes, wenn man auf ein Konzert der Bundeswehr geladen ist. Pauken, Trompeten und Pathos – Tschingderassabum halt. „Wenigstens fangen die vom Bund pünktlich an und hören ebenso pünktlich wieder auf“, hört man leise Stimmen der Erinnerung von Kolleg*innen. Doch die BW Big Band widerlegte alle Vorurteile. Pünktlich waren sie ohnehin.
Der Marktplatz diente als Kulisse und war mit rund 500 bunt gemischten Besucher*innen gut gefüllt: Abendsonne, ein leichter Wind, ein bisschen Jazz, ein bisschen Schweiß – und die Ahnung, dass dies kein alltäglicher Gig werden würde. Unter der Leitung von Oberstleutnant Timor Oliver Chadik begann die 25-köpfige Band mit typischem 70er-Jahre-Show-Big-Band-Sound. Man rechnete fast damit, dass Hans-Joachim Kulenkampff gleich die Bühne betritt. Doch der Einstieg war nur der Auftakt: Ein Duke-Ellington-Medley folgte, danach Peter Gabriels „Mercy Streets“. Ein Song, den sonst niemand covert. Chadik, ein Musiknerd im besten Sinne, schien das Ziel zu haben, das Publikum ausschließlich mit außergewöhnlichen Stücken oder aufsehenerregenden Interpretationen zu begeistern.
Dort ein paar „Blue Notes“, ein gegenrhythmisches Solo im Duett von Trompete und Saxophon, plötzlich alles eine Terz höher, locker eingeworfene Paradiddles an unerwarteten Stellen, ein Kontrabass, der Jazz neu definieren möchte – und zwei Stimmen, Bonita Niessen und Marco Matias, im ständigen Wettstreit um die abgefahrenste „Zweite“. Chadik koordinierte das alles scheinbar mühelos. Im Gespräch mit Alexander Beck, Vorstand der für das leibliche Wohl zuständigen Stadtkapelle Tailfingen, fiel schnell die Fußball-Allegorie: Die Tailfinger Kapelle sei wie „Arminia Bielefeld“ – äußerst respektabel, alle 50 Jahre mal im Pokalfinale. Die BW Big Band hingegen? FC Bayern in der Champions League, Endspiel, gesponsert von Rheinmetall.
Über 20 Mio. Euro an wohltätigen Spenden hat die Bundeswehr Big Band allein in den letzten Jahren durch Konzerte und Veranstaltungen generiert. In Balingen sammelte die Stadtkapelle Tailfingen für die Aufrüstung ihrer Jugendabteilung mit Noten und Instrumenten.
„Es sind alles professionelle Musiker, die dort auf der Bühne stehen.“ Jeder hat Musik studiert, meist bevor er in die Bundeswehr eintrat. „Man kann sich natürlich auch direkt aus der Bundeswehr in die Big Band bewerben“, erklärt Tourmanager, Moderator und Stabshauptmann Johannes Langendorf. „Die Hürden für eine Band dieser Güte sind immens, weshalb meist zuerst das Musikstudium, dann der Dienst erfolgt.“ Alle Ensemblemitglieder – mit Ausnahme der Vocalist*innen – sind Berufssoldaten, die im Ernstfall Sanitätsdienst leisten werden. „In der Ukraine sehen wir jedoch, dass Musiker vor allem für Truppenmotivation gebraucht werden“, ergänzt Langendorf.

Ein südamerikanisch anmutendes „Bad Habits“ von Ed Sheeran, gefolgt von einem saxophongetragenen „Toxic“ von Britney Spears, das für begeisterten Sonderapplaus sorgte. Dann „Can’t Hold Us“ von Macklemore – eine Rap-Nummer, die man einer Showband normalerweise nicht zutraut. Höhepunkt war ein Medley mit „Chöre“, „Wildberry Lillet“ und „Ohne dich“ von Münchener Freiheit. Alle singen mit. Eine Zuhörerin: „Ich bin so stolz auf mein Balingen. Dass es sowas einfach so gibt – mitten für alle auf dem Marktplatz.“ Und dann die Zugabe: „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen. Der Marktplatz singt – alle, auch ich – bis das Lied verklingt. Minuten vergehen, bis die Gänsehaut nachlässt. Man singt auf dem Balinger Marktplatz mit Soldaten „Freiheit“ – und es funktioniert. Musik kann das.
1971 kam der damalige SPD-Verteidigungsminister und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt auf die Idee, dass die Bundeswehr ein zeitgemäßes Ensemble benötigt – für Truppe und Staat. Er wollte einen „modernen Sound für eine moderne Armee“. Damit war die Gründung der Bundeswehr Big Band beschlossen.
Nach dem Konzert ist schneller Abbau angesagt: „Wir müssen morgen früh weg sein vom Platz, und dann geht es weiter nach Sankt Peter-Ording und auf die Insel Föhr“, erzählt ein Techniker. Rund 30 Open-Air-Konzerte stehen jedes Jahr auf dem Tourplan der Big Band. Bald jedoch wohl ohne Chadik, der laut Gesprächen vor Ort zum Musikkorps der Bundeswehr nach Siegburg wechseln wird.
„Vielen Dank, viel Erfolg und eine gute Reise“, wünsche ich Tour-Stabshauptmann Langendorf. „Und bis nächstes Jahr in Balingen“, ergänze ich. Er lächelt – widerspricht nicht.

