Vergangenen Montag war es endlich so weit: Der Bewegungspass für Kinder im Alter von 2 bis 7 Jahren ist nun auch in Albstadt angekommen. Bei einer Auftaktveranstaltung in der Ebinger Festhalle wurde er von Vertreter*innen des Landkreises, der Stadt und dem Projektteam sowohl dem Fachpersonal der ansässigen Kindertageseinrichtungen als auch interessierten Ehrenamtlichen der hiesigen Sportvereine vorgestellt.

„Also, ich habe bereits das ganze Känguru fertig. Aber beim Bären schaffe ich es einfach noch nicht“, wird man es demnächst aus den knapp 30 in Albstadt verankerten Kitas hören. Der „Bewegungspass“, einst im „Amt für Sport und Bewegung“ der Stadt Stuttgart ersonnen, ist 2018 im Zollernalbkreis angekommen. Vor Ort wird er in einem Gemeinschaftsprojekt des Landkreises, des Turngaus Zollern-Schalksburg und der AOK, in Zusammenarbeit mit der jeweiligen Kommune, umgesetzt. Er ist ein Werkzeug zur pädagogischen Bewegungsförderung im Kindergarten- und Vorschulalter. Zunächst wurde er in vier Gemeinden pilotiert. Ein wenig ausgebremst durch Corona, breitet er sich mittlerweile immer weiter im gesamten Landkreis aus – nun auch in Albstadt und in wenigen Monaten auch in Balingen.

So funktioniert es: Im Passheft, das jedes Kind erhält, sind verschiedene Übungen vermerkt, die thematisch neun Tieren zugeordnet sind – unter anderem einem Eichhörnchen oder einer Schlange. Sobald eine Übung geschafft wird (z. B. Krebs Stufe 4: Vierfüßlergang mit Bauch nach unten über eine Distanz von 10 Metern), gibt es einen Drachenaufkleber ins Heft. Sobald das ganze Heft voller „Bepperle“ ist, blühen dem oder der kleinen Athlet*in neben Ruhm und Anerkennung auch eine Urkunde und ein Sportbeutel.

Nach kurzen, äußerst herzlichen Einführungsworten des Oberbürgermeisters, der die rund 50 haupt- und ehrenamtlichen Kräfte begrüßte, ging es sofort in medias res: Bewegungsmangel, Übergewicht und eine massive Zunahme von Adipositas sind zivilisatorische Auswüchse, die vor allem in westlichen Industrienationen seit Jahren immer spürbarer werden. Laut Simon Knupfer, Geschäftsbereichsleiter Prävention bei der AOK Baden-Württemberg, ist die Anzahl der Adipositasfälle bei 5- bis 9-Jährigen im Zollernalbkreis in den vergangenen vier Jahren um rund 30 % gestiegen. Auch Auffälligkeiten in der Grobmotorik-Entwicklung, statistisch in den Einschulungsuntersuchungen (2013–2016) erfasst, seien im Landkreis mit über 31 % der Kinder besonders hoch – im Vergleich zum restlichen Baden-Württemberg.

Melanie Höss, Sachgebietsleitung Gesundheitsplanung beim Landkreis, erläuterte, dass im Kreis bereits viel geleistet wurde: Insgesamt sind schon 58 Kitas, 20 Vereine, fünf Schulen und zehn Tagesmütter zertifiziert, den „Bewegungspass“ anleiten und umsetzen zu dürfen. Turngaupräsident Jürgen Koch bestätigte dies freudig: „Nur wer körperlich fit ist, der kann’s auch im Köpfchen haben.“ Vor allem aber lag ihm die Kooperation mit ansässigen Vereinen am Herzen. Er betonte, dass Kindertageseinrichtungen mit dem Bewegungspass Kinder motivieren können, weitere sportliche Aktivitäten – am besten im Verein – nachhaltig in ihren Alltag zu integrieren.

Auch Landrat Günther-Martin Pauli schilderte begeistert das Engagement rund um den Bewegungspass. Zwar sei das Projekt durch die Coronapause vor Herausforderungen gestellt worden, doch mit Geduld und viel Sachkompetenz sei diese erfolgreich gemeistert worden.

Abschließend berichtete Steve Mall, Bürgermeister und Verantwortlicher für das Dezernat 2 der Stadt Albstadt (zu dem unter anderem das „Amt für Familie, Bildung und Sport“ gehört), von seinen eigenen Erfahrungen mit dem Bewegungspass zu Hause. „Da gab es dann doch schon einige kindliche Lacher“, sagte er über den Selbstversuch einiger Übungen. Welche genau, verriet er allerdings nicht. Unsere investigativen Versuche, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, scheiterten bislang.

Der zweite Teil der Veranstaltung war ein „Get-together“, bei dem Politik, Fachkräfte sowie Projektmentorinnen und -macherinnen Gelegenheit zum Austausch hatten. Dieser Austausch verlief ausführlich, herzlich und auf fachlich hohem Niveau. Von allen Seiten war das Wohlwollen der Fachkräfte gegenüber dem Projekt spürbar. „Es wird eine Herausforderung, das mit unserem knappen Personal und den teilweise schwierigen Räumlichkeiten hinzubekommen. Aber wenn jemand kreative Lösungen findet, dann ja wohl wir“, hörte man freudig an einem Erzieherinnentisch. Auch die Nachhaltigkeitsproblematik habe man, so Melanie Höss, fest im Blick. Die Problemlagen in bildungsfernen Familien seien durch den punktuellen Einsatz der Bewegungsförderung nur bedingt lösbar. Dennoch: „Die Entwicklungen der Zahlen sind jetzt schon äußerst positiv zu werten. Wir gehen davon aus, dass es sogar noch besser wird.“

Man kommt nicht umhin, ein wenig stolz auf alle Beteiligten zu sein: Ein Problem taucht auf, wird erkannt, adressiert und im Zusammenspiel der unterschiedlichen Sachbereiche auf Kreis- und kommunaler Ebene werden Lösungen – und wie hier, Werkzeuge – erdacht und überprüft. Flankiert von Spitzenvertreter*innen der Kommunalpolitik und Ehrenamtlichen werden diese Lösungen umgesetzt und in die Breite gebracht. Wünschenswert wäre, dass dies immer so großartig funktioniert wie beim Bewegungspass. „Schillerschule, ik hör dir trappsen.“