Eine durchtanzte Nacht in Albstadt mit viel Lichttechnik und einem begeisternden Sound der alle altersschichten auf die Tanzfläche zog.

Wo sonst Motoren brummen, waren am vergangenen Freitag gute Laune und eine wilde Party Programm. Zum zweiten Mal fand im Ebinger Westtangentunnel der sogenannte „Tunnel Dance“ statt. Das Altstädter Partyvolk musste darauf nur schlappe 21 Jahre warten.

Wabernder Nebel durchzieht den komplett ausverkauften dunklen Tunnel. Die lauten Intro-Töne von „Freed from Desire“ tönen durch die Röhre. Die Menge der Tanzenden juchzt freudig auf, als sie das Lied erkennt. Und schon läuft der Refrain, den die 1000 Stimmen, die an diesem Abend im Tunnel sind, gemeinsam mitsingen. Aber – und das ist die Kunst, die nur ein richtiger DJ beherrscht – nicht etwa der flache Bass und das etwas maue Drumkit des originalen Songs sind zu hören, sondern eine leicht beschleunigte und sehr basslastige Version wummert aus den Lautsprechern und holt die Hörerinnen und Hörer quasi wie von einer unsichtbaren Hand geführt auf die Tanzfläche.

Fünfzig Jahre gibt es die Stadt Albstadt nun mittlerweile. Manch langweiligere Kommune macht zu solchen Anlässen ein schnödes Straßenfest und druckt eine Festschrift. Nicht so Albstadt. Hier wurde vor allem auf Beteiligung und bürgerschaftliches Engagement gesetzt, wohl weil man weiß, dass die wirklich witzigen und eindrücklichen Events eher nicht in einer Verwaltungsstube ersinnt werden. Entsprechend jugendlich kommt die Stadt Albstadt in ihrem Festjahr daher und kann mit Fug und Recht von sich behaupten: „Fünfzig ist sowas wie das neue Dreißig.“

Weiterer schneller Beat ertönt. Das Licht wandelt sich von Blau zu Gelb und Grün, und eine 70er-Jahre-Funkgitarre füllt die Tunnelröhre und wirbelt den Feinstaub, der sich über zwei Jahrzehnte festgesetzt hat, auf. „Born to Be Alive“ hat der DJ entdeckt und erntet viel Liebe des Publikums dafür.

Es waren bewegte fünfzig Jahre. Neben der neu gestalteten Fußgängerzone mag der vor 21 Jahren fertiggestellte „Hallersche“, Ebinger Westtangentunnel, zu einer der größten Diskussionen in der Stadtgesellschaft angeregt haben. Als „unnötig“ wurde er bezeichnet, als „Geldgrab“ und „verschwenderisch“ geschmäht. Heute ist er fester und wichtiger struktureller Bestandteil der Stadt. Und eben damals, vor 21 Jahren, als der Tunnel kurz vor seiner Eröffnung stand, fand auch die erste Tunnelparty statt. Damals noch initiiert von der Albstädter Veranstaltungstechnikfirma „Sound, Light and More“ (SLAM) in Zusammenarbeit mit dem damaligen Jungunternehmer Martin Braun.

Und eben dieser Herr Braun steht nun am DJ-Pult als Special Guest des Abends. Neben den Profis DJ Gee Effect, DJ Jeff, Lorry und Konstantino Bordello darf auch er nun für eine halbe Stunde an die Turntables. Er spielt „Don’t Tell Me What I Want What I Really Really Want“ von den Spice Girls, und der geneigte Zuhörer fragt sich amüsiert, ob er dies wohl als netten Verweis auf sein kommunalpolitisches Mandat verstanden wissen möchte.

Die Player von damals sind immer noch dabei. Etwas gesitteter zwar, aber noch voll wildem Elan, wenn es um die Sache geht. Braun und seine Firma BE SAVE sind Veranstalter an diesem Abend. SLAM spielt auch noch mit und hat viele Tonnen an Licht- und Tonmaterial in den Tunnel gekarrt und aufgebaut, um den Gästen einheizen zu können. „Das Tollste ist, mit den ganzen Leuten, die sich schon seit Jahren kennen und mögen, wieder an einem so großen Projekt zusammenarbeiten zu können.“ Martin Braun ist wichtig, dass „was geht“ in der Stadt. Und auch einmal mehr zauberte der virtuose Uwe Sessler an den virtuellen EQs und Fadern einen brillanten Sound in den klangtechnisch anspruchsvollen Albstädter „Underground“.

In dunkles Blau getaucht ist ein an Darkwave erinnernder Bass zu hören. Das tanzende Publikum ist vollkommen außer sich. Plötzlich mischt sich die Gitarre von Eric Clapton, damals noch bei Cream, prägnant über den Beat. Ist es „White Room“? Nein: „Sunshine of Your Love“! Aber halt beeindruckend tanzbar.

„Besser, du lehnst dich nicht an. Der ganze Tunnel ist voller Ruß“, wird man liebevoll und fast schon umsorgend von einer Mitvierzigerin an eben jener Freitagnacht mitten im Albstädter Tunnel gewarnt. Wehmütig überlegt man, wieso sich das Nachtleben die letzten Jahre so rar gemacht hat in der naturschönen schwäbischen Metropole. Weitergehend ist man freudig überrascht über die mitmenschliche Sorge in der ab und an doch etwas spröden wirkenden Kommune.

Jetzt Song 2 von Blur. Ein Stück, das immer passt, wenn das Leben jugendlich rotzig-frisch und das Establishment verachten genossen werden will.

Und auch der Oberbürgermeister der Stadt Albstadt stürzte sich ins Partygewühl. Altersentsprechend vielleicht etwas langsamer als noch vor 20 Jahren, aber dennoch nicht minder begeisterungsoffen. Die Stadt selbst unterstützt dieses Event. Nicht mit schnödem Geld, sondern mit Hilfe bei Genehmigungen, Werbung und kurzen Dienstwegen. „Aber ohne die ganzen wertvollen Sponsoren aus der Privatwirtschaft wäre die Veranstaltung trotzdem nicht möglich gewesen.“

Eminem. „Lose Yourself“. Die Hymne einer fast vergessenen Generation – und mit dem darunterliegenden Beat auch der Soundtrack der Feiernden an diesem Abend.

Eine gute Party lebt von den vielen kleinen Geschichten, die sich dabei ereignen und die auch später noch bemerkenswert bleiben. Nehmen wir Katja, deren Freundin ihr Handy in einem Schacht kurz vor dem Tunnel verlor und der sechs ausgebildete Feuerwehrleute zur Hilfe eilten, um das Telefon mit professionellem Gerät zu retten. Mit viel witzigem Pathos und Erfolg. Oder Flo, der seine Liebste an dem Abend verlor und dafür einen neuen Liebsten fand. Oder auch Patricia, die leicht melancholisch, frierend, von vergangenen Zeiten erzählte, um sich noch mehr auf alles, was so kommen mag, zu freuen. Oder der Polizist, der weit nach Mitternacht auf eventuelle Einsätze am Abend angesprochen, nur locker abwinkte und „Awa, alles kuul [cool] hier“ entgegnete.

Jetzt läuft Panjabi MC. Der charakteristische Tumbi, ein leichtes Folk-Saiteninstrument, spielt die ersten Töne und die Tanzfläche wird noch voller und pulsiert förmlich.

Im Vorfeld gab es auch Kritik an der Veranstaltung. Wieso man denn den doch so wichtigen Tunnel sperren würde, war auf unterschiedlichen Social-Media-Plattformen zu lesen. Man würde stundenlange Umwege fahren müssen. Außerdem gäbe es ja in diesem Land schon lange nichts mehr zu feiern, war zu vernehmen. „Das sind wahrscheinlich genau die unglücklichen Seelen, die vor 25 Jahren erst gegen den Tunnel gewettert haben“, meint eine Besucherin. „Und genau die gleichen werden sich über den Disco-Zug beschweren, wenn sie dann mal für einen Tag die Talgangbahn nicht nutzen können“, führt sie schmunzelnd weiter aus.

Eine rundum gelungene Veranstaltung, auf die Albstadt nicht nur stolz sein kann, sondern deren Wiederholung man hoffentlich nicht wieder über 20 Jahre warten muss.