Konzert zur Sterbestunde Jesu in Albstadt

Man konnte das alte Bänkeholz in der Martinskirche in Ebingen behäbig ächzen hören, als die rund 200 ansonsten zu Stille bedachten Besucher auf das Eintreffen der Musiker am vergangenen Karfreitag warteten. Manche gläubig, manche musikbegeistert, und viele beides. Eine ganze Schar an Künstlern sammelte sich auf der zum Altar gegenläufigen Orgel-Empore. Entsprechend war das Kirchenschiff umgekehrt bestuhlt. Ein Stimmton und das hinführend rufende Glockengeläut später begann ein fulminantes Konzert.

Jetzt, da geneigte Leserinnen und Leser diese gedruckten Zeilen vor sich sehen, kann bereits wieder beruhigend festgestellt werden: Ging es bei dem Konzert am Karfreitag noch um das Sterben Jesu, ist dieser mittlerweile wohl, im wahrsten Sinne „Gottseidank“, wieder auferstanden. Darauf lässt sich der Leiter des Konzertes, Dr. Steffen Mark Schwarz, allerdings dieses Jahr nicht beschränken. Hat er an diesem Tag doch einen sich gegenseitig stützenden Dreiklang vorbereitet: Zum einen wäre der liturgische Anlass zu nennen. Zum zweiten die exzellente Auswahl an Musikern und Stücken. Und zu guter Letzt das Stichwort „Friede“, unter dem sich der Konzertnachmittag ausbreitete: „Dona nobis pacem“ – übersetzt „Gib uns Frieden“.

Fünf Stücke sollten es werden: drei von Johann Sebastian Bach und zwei von Peteris Vasks. Spricht man bei Künstlern des „U“-Genres (Unterhaltung) noch von Interpretationen, geht es in der „E“-Musik (Ernst) um die perfekte Ausführung. Und hier wird schnell klar, welchen Schatz die Martinskirche mit ihrer Kantorei bewahrt.

Beginnend mit Bachs früher Kantate „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir“ konnten Chor und Stimmen bereits brillieren. Es wurde schon zu Anfang offenbar, dass vor allem auf die vocale Begegnung von Chor und Einzelstimmen über das ganze Konzert wert gelegt werden würde. Zuständig waren hier Karera Fujita (Sopran), Jasmin Hofmann (Alt), Robin Neck (Tenor) und Hannes Nedele (Bass) mit deren jeweils perfekt ausgebildeten Stimmen, die einprägsame Solo- und Duett-Passagen präsentierten, die Zuhörer und Zuhörerinnen sichtlich bewegten.

Bemerkenswert war auch von Beginn an der instrumentale Teppich, getragen von einem fülligen Orchester und einer Oboe, dem man die Entstehungsepoche des Werkes – den Höhepunkt des Barock – nicht absprechen konnte. Das „Schwarzwald Kammerorchester“ zeigte sich hierfür ausgezeichnet verantwortlich.

„Bach war sicherlich der erste Jazzer“, war einer der Chorsänger der Kantorei der Martinskirche im Konzertvorfeld beim Fachplausch zu vernehmen. Nicht von ungefähr hörten sich sämtliche Basslines aus dem Jahr 1707 an, als hätte sie die aktuelle Jazz-Ikone Norah Jones letzte Woche eben noch komponiert und eingespielt. Gregor Engelhardt an der Orgel unterstützte hierbei synergetisch und fulminant den Kontrabass.

Schon beim ersten Stückübergang fällt es schwer, ruhig sitzen zu bleiben und nicht wild klatschend, „Da Capo“ rufend, auf eine der Bänke zu steigen. Aber gut – das kommt zu einem solchen Anlass erst ganz zum Schluss und auch ausschließlich in möglichst zivilisierter Form.

Es folgte ein eindrucksvolles „Pater Noster“ des lettischen Komponisten Peteris Vasks und ein drückendes, bachsches „Erbarme dich, mein Gott“, bevor es auf einen weiteren der vielen Höhepunkte des Nachmittags hinlief: ein weites, breit arrangiertes „Dona nobis pacem“, wiederum von Vasks, erklang nachhaltig bis in jede Ritze der Martinskirche. Ein voller vokaler Klangteppich, gepaart mit einer Dramatik wie in einem Hollywoodfilm, wechselte sich mit einer nachdenklichen, fast spirituellen Phase ab.

Abgerundet wurde das Konzert mit „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, in dem das unglaubliche Violinspiel der Konzertmeisterin Gesa Jenne-Dönneweg zu bewundern war. Auch auf das Duett im vierten Satz der beiden Sängerinnen Fujita und Hofmann, das schwebend viel zu schnell zu Ende ging, ist ausdrücklich hinzuweisen.

Mit dem letzten Ton erklangen die Kirchenglocken das letzte Mal vor der Trauerzeit um Jesu, die mit der Auferstehung am Ostermontag ihr Ende finden sollte. Dann sollen die Glocken auch wieder läuten.

Die Welt ist im Wandel. Es sind bedrückende Zeiten, die unsere Gesellschaft durchfühlt und mit denen sie irgendwie umgehen muss. Dieser Konzertnachmittag zum Innehalten, zur Reflexion und zur stärkenden Sammlung hat auch dies berücksichtigt. Ob konfessionell oder nicht, wurde den Zuhörerinnen und Zuhörern sowohl die Tiefe als auch die Schwere in der Musik plastisch aufgezeigt, gar vorgehalten. Und doch war in jedem Stück Hoffnung. Hoffnung auf das Ende von Kriegen – persönlichen, inneren wie äußeren. Hoffnung auf ein gutes Miteinander und auch die Hoffnung auf Erlösung. Wenn man um das Werk des Albstädter Kantors Dr. Steffen Mark Schwarz weiß, kann man schmunzelnd feststellen: Das war Absicht. Bestimmt!

Es fällt schwer, an diesem Karfreitags-Konzert etwas zu kritisieren, war doch die Zusammenstellung und die Aufführung nahezu perfekt. Vielleicht, dass mancher und manchem aus Albstadt das grandiose Schaffen der Musikabteilung der Martinskirche nur bei „Crossover“-Konzerten bewusst ist. Oder dass sich aktuell nicht noch viel mehr Menschen auf die bewegende E(rnste)-Musik einlassen wollen, obwohl sich unter jedes Stück gekonnte Techno-Beats vorstellen ließen. Aber an wen sollte man diese Kritik richten? Es bleibt nur, weiterhin standhaft einzuladen und auch Menschen, die vielleicht lieber mit Kinderspielzeugen einen Berg hinunterfahren wollen, für ein Genre zu begeistern, bei dem es unendlich lohnt, sich damit zu beschäftigen.