Kein Zauberwald – aber ein Fest mit Herz: 100 Jahre Posaunenchor Truchtelfingen. Die Jubiläumszahl leuchtet, das Publikum lauscht. Ein Moment zum Innehalten – mitten zwischen Pavillons und Musikgeschichte.

Vergangenen Samstag lud der Posaunenchor der evangelischen Kirchengemeinde Truchtelfingen zu seiner Veranstaltung mit dem Titel „Sommernachtstraum“. Anlässlich seines hundertjährigen Jubiläums sollte dies ein „Festle“ vor der Grundschule des Ortsteils werden – auf dem Schulhof. Und Albstadt kam – oder zumindest das, was man bei Schmuddelwetter davon noch erkennen kann. Vorneweg: Es war durchaus bezaubernd.

Der Sommernachtstraum also. Sie kennen das Stück von Shakespeare? Im „Sommernachtstraum“ verirren sich Liebespaare und eine Theatertruppe in einen Zauberwald, wo Elfen mit Liebeszaubern mehr Schaden als Ordnung stiften. Alles gerät durcheinander, alle lieben die Falschen – kurz: eine heiße Nacht, in der Amors Pfeile offenbar von Azubis verteilt werden. Unser Wald voll Magie wird also heute ein Schulhof sein. Typisch Truchtelfingen. Von Liebeszaubern stand im Flyer übrigens nichts. Und: Der Sommer auf der Alb hat andere Pläne.

Regen. Seit Tagen. Der Himmel: wieder grau. Die Temperaturen: im diplomatischen Niemandsland zwischen „Frühherbst“ und „Heizung an?“. Statt kurzer Hose und luftigem Rock: Multifunktionsjacke und Boots. Gore-Tex statt Glamour. Man könnte und dürfte das Fest nach drinnen, in die nahe Turn- und Festhalle, verlegen. Vor Ort entscheidet sich das Festkomitee, der Romantik wegen, allerdings anders und vermeldet: „Wir feiern draußen. Ab 17 Uhr wird das Wetter super.“ – übersetzt heißt das in Albstadt: Es wird nur noch ein bisschen regnen, und das Wort „kalt“ verbannt man heute einfach aus seinem Sprachschatz. Wir finden unseren Zauberwald also doch im Schulhof wieder – wie geplant. Der Feenstaub: am regennassen Boden festgeklebt. „In Wacken ists nässer“, sagt jemand. Ja gut: das ist eben auch Wacken. Für schlimme Schauer und eventuellen Schneefall stehen ein paar Pavillons parat. Und die Gaukler? Vielmehr Musiker? Deren Bühnenteile sind ebenfalls in Pavillonromantik zart überdacht und mit durchgehendem weißem Neonlicht bestrahlt.

Genug gejammert: Bier gibt’s trotzdem. Wohl genug davon. Schnitzelwecken auch. Zur Not Schnaps.

Der Posaunenchor wird 100 dieses Jahr. Hundert! Jahre! Doppelt so alt wie die Stadt selbst. Ein Weltkrieg, zwei Eingemeindungen, neununddreißig Kirchentage, acht Pfarrer. Immer mit dabei: die Blechbläser. Trompeten, Hörner, Posaunen – das ist Beständigkeit. Neben einem bereits gefeierten Jubiläumskonzert und dem Bezirksposaunentag stehen im Herbst – genauer: am 11. Oktober – noch eine „Brass Night“ und am 8. November ein Konzert mit dem Ensemble „HeilixPlechle“ an. Eben diese Bläser von Truchtelfingen haben in hundert Jahren mehr Gottesdienste gefüllt, als man zählen kann. Ganz ohne Zaubertrank.

Etwa 200 Menschen sind zeitweise im Schulhof. Alle da. Jung, alt, dazwischen. Kinder, Rentner, Jugendliche, Bläserveteranen. Manche sagen „Hallo“, andere sagen „Komm, setz dich her“. Alle sagen: Es ist schön hier. Man friert gemeinsam. Ein Spruch dort, eine Anekdote hier. Vielleicht ein Schorle oder ein Bier?

Zwar nicht Elfenharfe, aber doch hörenswert: Joe Späth mit Band und Lisa Stegmeyer (die Stimme von „Leeeza“ – Namensähnlichkeiten ausdrücklich gewollt) spielen sich solide durch Pop, Soul und Cover-Rock. Vertraute Rhythmen, ehrliches Musikhandwerk. Wie die Pommes vom Nachbartisch: bodenständig, verlässlich, kein Grund zu klagen. Schlagzeug, Keys die den Bass mit übernehmen und Gitarre – mal etwas rumpelig, meistens straight. Irgendwann: „Über den Wolken“ in der Schlagerversion von Dieter Thomas Kuhn, und der Regen fängt wieder an. Es passt.

„Irgendwie ist’s schön, dass man merkt: Da spielt wer live“, sagt eine junge Frau mit Zimthauch im Lächeln, während sie ihre Schorle hält wie andere ihren Samstag – und trifft damit den Ton des Abends.

Die große Musik-Magie? Bleibt heute ein scheues Wesen. Alles ist solide, aber ohne Sternschnuppenmoment. Kein Drama, kein Verlust – nur ein kleines Seufzen im Regenmärchen der Erwartungen.

Dem Fest selbst tut das nichts. Reden, trinken, essen, lächeln. Manchmal reicht das. „Was will man mehr. Ist halt ein schönes Fest, wie’s früher schon war“, hört man. „Die organisieren das alles hier. Für nix. Nur damit andere einen netten Abend haben.“ Und: „Ich brauch keine große Show – Hauptsache, es ist gemütlich und die Bedienungen freundlich. Und das sind sie heut.“ Und seine Frau nickt und sagt gar nichts. Weil man nicht alles sagen muss.

Was vom Abend bleibt? Geselligkeit und Gemeinschaft. Das, was das Ehrenamt auszeichnet. Die vielen Probestunden, Konzertvorbereitungen und vieles mehr wollen entlohnt werden – aber nicht zwingend in „Euro und Cent“, sondern in Anerkennung und menschlicher Wärme. Und eben diese Wärme ist trotz der Witterung deutlich zu spüren. „Ohne Ehrenamt gäbe es so was gar nicht mehr. Das vergisst man oft – wie viel da dranhängt“, sagt Markus Haußer, Erster Sprecher des Posaunenchors Truchtelfingen. Und auch das stimmt.

Die große Geste liegt dann doch, wie Feenstaub, im kleinen Schwatz zwischen zwei Schorle. Egal ob weiß oder rot. Zwischen damals und jetzt. Bis weit nach Mitternacht.

Und so wird der verzauberte Schulhof unter freiem Himmel beschworen – inmitten von Pavillons. In tiefsitzender Nässe von unten und von oben. Und das ist vielleicht sogar die größere Kunst als im Warmen und Trockenen – da kann es ja jede und jeder. Ob es eventuell doch noch amouröse Zauber gab? Wir werden es wohl erst in neun Monaten wissen.

Überlassen wir aber das Schlusswort dem alten Shakespeare selbst – oder besser: seinem Puck, der auch im Truchtelfinger Schulhof-Zauberwald heimisch geworden wäre:
„Klatscht erst Beifall unserm Stück! Dann bringt Puck euch nichts als Glück.“

Und man nickt. Und man lächelt. Und man denkt: Klingt nach Märchen. Oder Ehrenamt. Oder beidem.

Dieser Artikel erschien:
Am 04.08.2025 in der SÜDWEST PRESSE